Die Szenische Interpretation von Musik und Theater

Wer braucht Szenische Interpretation von Musik und Theater?

Alle Menschen, die pädagogisch tätig sind und dabei Musik, Theater oder Musik & Theater einsetzen, ...das sind Musiklehrerinnen und Musiklehrer, Musiktheaterpädagoginnen und Musiktheaterpädagogen, Personen, die kulturelle Bildung und Sozialarbeit betreiben und dabei musikalisch und szenisch arbeiten oder arbeiten möchten.

Und was ist eigentlich "Szenische Interpretation von Musik und Theater"?

"Szenisches Interpretieren" ist eine Möglichkeit musikalische Erfahrungen zu machen aufgrund von Erlebnissen, die im szenischen Spiel gemacht und dann szenisch reflektiert und dadurch zu nachhaltigen Lernerfahrungen verarbeitet werden.
Nähere Information enthält der "Methodenkatalog" (2022).

Was kann man mit Szenischer Interpretation von Musik und Theater anfangen?

Babys, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Menschen vom Rande der Gesellschaft bis zur Mitte können mit Szenischer Interpretation von Musik & Theater lebensnahe und nachhaltige Erfahrungen mit Musik & Theater, mit sich selbst und mit anderen machen. Sie können interkulturell kommunizieren und ästhetische Dimensionen des Lebens entdecken.

Die Methoden des Konzepts der Szenischen Interpretation von Musik & Theater sind vielseitig und flexibel einsetzbar. Das szenische Interpretieren verbindet ernsthafte Lernarbeit mit viel Freude, Spaß und Engagement.
Einen Eindruck von den Anwendungsmöglichkeiten und Zielgruppen der Szenischen Interpretation in der Slide-Show "Szenische Interpretation in 45 Sekunden" siehe unten!

Aus dem Vorwort des Methodenkatalogs

Musik bewegt Körper und Gemüt

Das musikalische Verhalten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist geprägt durch die fast automatische Verbindung einer körperlichen Bewegung mit korrespondierenden inne-ren Regungen. In der Schule und in anderen musikpädagogischen Kontexten wird schon seit dem 19. Jahrhundert das Zusammenspiel von äußerer und innerer Bewegung erfolgreich prak-tiziert, von Émile Jaques-Dalcroze, Carl Orff, Gertrud Meyer-Denkmann bis Volker Schütz (der 1993 über Popmusik schrieb: „das Glück ist körperlich“). Das stille Sitzen auf dem Stuhl um auf Musik zu lauschen ist eine im Schwinden begriffene musikpädagogische Perspektive. Heute sind Schulbücher, Lehrpläne und Fortbildungsveranstaltungen in Bewegung: Body-Percussion, Live-Arrangement, Hüftkreisen beim Sing-Out, Klatschen, Jazz-, Pop- oder Folk-tanz, Bewegungsimprovisation, Musik-Yoga, TaKeTiNa, Eurythmie, Szenisches Spiel und so weiter.

Musik hat für alle eine Bedeutung

Die Musik, vor allem diejenige komplexer Werke oder unbekannte Musik fremder Kulturen, spielt bei den meisten Methoden, die Musik mit Bewegung verbinden, eine untergeordnete Rolle. Fast nie wird gefragt, ob eines dieser Bewegungs-Verfahren dazu geeignet ist, dass Kinder, Jugendliche oder Erwachsene Musik „verstehen“ und die Bedeutung, die Musik für sie hat, sich durch eine Bewegungsübung erschließt. Hier setzt die Szenische Interpretation an. Sie bedient sich zahlreicher Bewegungs-Verfahren, insbesondere der Methoden des szeni-schen Spiels, hat aber im Weiteren das Ziel, dass Kinder, Jugendliche oder Erwachsene unter pädagogischer Anleitung Musik im Sinne einer aktiven, bewussten, selbstbestimmten und so-zialen Aneignung ihrer Lebenswirklichkeit verstehen.

Musik erleben, reflektieren und erfahren

Die Methoden des Szenischen Spiels werden bei einer Szenischen Interpretation „erfahrungs-orientiert“ eingesetzt (SCHELLER 2004 und 2008). Das heißt, dass die Erlebnisse der Akteu-re beim szenischen Spielen, in szenischen und außer-szenischen Reflexionsverfahren zu Lernerfahrungen verarbeitet werden. Der Spielablauf wird unterbrochen, beobachtet, hinter-fragt, verfremdet, kommentiert, mehrfach wiederholt, kurz: einer spielerischen Reflexion un-terzogen. Das Methodenrepertoire des szenischen Spiels ist in der Szenischen Interpretation erweitert und wird vertieft durch „szenisch-musikalische Reflexion“, „szenisches Kommentie-ren“, „szenische Ein- und Ausfühlung“ und so weiter. Die szenisch-musikalische Reflexion erfolgt im Schutze eines „Anderen“, in das die TeilnehmerInnen eingefühlt worden sind. Die-ses Andere kann eine konkrete Rolle sein, eine fremde Situation, ein Milieu, eine Zeit, ein Ort, eine Atmosphäre, ein kultureller Kontext.

Musik verstehen heißt „konstruieren“

Als Konzept der Interpretation steht die Szenische Interpretation von Musik und Theater in Konkurrenz zu anderen Methoden der Interpretation: im Falle der fiktionalen Realitäten den-jenigen der Philologie, Literatur- oder Musikwissenschaft, der Hermeneutik, der didaktischen Interpretation, der Exegese usw. Im Gegensatz zu diesen Methoden ist die Szenische Inter-pretation gemäßigt konstruktivistisch. Die Methoden einer jeden Szenischen Interpretation und die darin initiierten musikpädagogischen Prozesse können aus den drei Perspektiven kon-struktivistischer Pädagogik beschrieben werden (REICH 2012 und KOSUCH 2004), aus der Perspektive · der Konstruktion (Erfindung: „wir erfinden unsere Wirklichkeiten“), · der Rekonstruktion (sammelnde Wiedergabe: „wir entdecken unsere Wirklichkeiten“) und · der Dekonstruktion (Enttarnung: „wir verstören unsere Wirklichkeiten“). Die Szenische Interpretation erfüllt Kersten Reichs drei Postulate „so viel Konstruktion wie möglich“, „keine Rekonstruktion um ihrer selbst willen“ und „keine Konstruktion ohne Ver-Störungen“.

Von der Interpretation zur Produktion

Als konstruktivistisches Konzept ist die Szenische Interpretation keine „Einstudierung“ eines Musik(theater)stücks mit dem Ziel einer Aufführung. Dennoch hat sich gezeigt, dass die Me-thoden der Szenischen Interpretation nicht nur zur (nachträglichen) Interpretation sondern auch zur Produktion von Musik und Theater erfolgreich eingesetzt werden können. So lässt sich die Szenische Interpretation auch mit dem Ziel einsetzen, einen von den Teilnehmenden selbst entwickelten Inhalt in Szene zu setzen. Die Präsentationen der Arbeitsergebnisse einer Szenischen Interpretation haben oft den Charakter einer Aufführung. Das Erfahrungslernen jedoch findet weniger bei der Aufführung als vielmehr während der szenischen Interpretati-onsarbeit statt. Näheres hierzu lesen Sie im Kapitel „von der Interpretation zur Produktion“.

Die fünf Hypothesen der Szenischen Interpretation

Bedeutungskonstruktion

(Konstruktivismus ) Bei der Szenischen Interpretation werden Schüler/innen dazu angeleitet, die Bedeutung, die Musik für sie hat, aktiv, bewusst und selbstbestimmt zu konstruieren, zu kommunizieren und damit auch zu überprüfen.
(Lehrerrolle) Die Lehrerin ist „Prozessorganisatorin“ (Kosuch) im Sinne Hartmut von Hentigs: „die Lernsituation enthält keinen Belehrer. Der Lehrer soll sie lediglich organisieren...“ .

Rollenschutz

(Rollenschutz) Bei einer szenischen Interpretation können Schüler/innen im Schutz einer Rolle Persönliches äußern und sich selbst bewusst machen, was sie ohne diesen Schutz nicht könnten oder nur in schultypisch ritualisierter Form tun würden.
(Rollenspiel) Das Spiel im Schutz der fremden Rolle erfolgt auf persönliche Weise und zeigt, wie die Schüler/in die Rolle und die Situation, in der die Rolle agiert, interpretiert.
(Projektionsfläche) Bei der Szenischen Interpretation dient fremde und ungewohnte Musik als Projektionsfläche für psychische Eigenschaften der Schüler/innen, für Emotionen, Einstellungen, Ängste, Phantasien, Umgang mit Verdrängtem und Tabuisierten usw., ohne dass therapeutische Ziele verfolgt würden oder die Szenische Interpretation Therapie wäre. Die szenische Arbeit erfolgt stets entlang eines (ästhetischen) Gegenstandes.

Interpretieren und Lernen

(Interpretation) Die Szenische Interpretation ist ein Konzept musikwissenschaftlichen Interpretierens, das eigenständige und verifizierbare Ergebnisse zutage fördern kann . Das „Verstehen von Musik“ erfolgt dabei „konstruktivistisch“ und nicht im Sinne von Hermeneutik, Philologie, Exegese oder didaktischer Interpretation.
(Erfahrungslernen) Die Szenische Interpretation ist ein Konzept des Erfahrungslernens. Dabei werden Erlebnisse beim Spielen sowohl durch spezifische Spielverfahren („szenische Reflexion“) als auch durch eigene Reflexionsphasen zu (Lern-)Erfahrungen verarbeitet. Die Reihenfolge „erst das Spielen, dann das Drüber-Nachdenken“ ist aufgehoben („erweiterter Schnittstellenansatz“).
(Voraussetzungslosigkeit) Die Szenische Interpretation berücksichtigt alle Lernvoraussetzungen bzw. -defizite und kann mit „leistungsheterogenen“ Klassen produktiv umgehen. Ein „aufbauender Unterricht“ als Lernvoraussetzung ist nicht nötig, wenn auch denkbar.
(Lernen mit allen Sinnen) Die Szenische Interpretation ist ein ideales (eventuell sogar das einzige praktikable) Konzept für ein „Lernen mit allen Sinnen“ im Musikunterricht, indem das „Lernen mit dem Körper“ gegenüber anderen Lernfomen aufwertet wird. Sie ist bezüglich Musiktheater die einzige nicht-defizitäre Lernform. Sie ist insofern „kompensatorisch“ als sie weniger „redegewandten“ Schüler/innen eine besondere Beteiligungsmöglichkeit am schulischen Diskurs bietet.

Umgang mit Musik

("Gebrauchspraxen" ) Bei der Szenischen Interpretation ist nicht „die Musik“ sondern der musikalisch tätige Mensch Ausgangspunkt für die musikdidaktische Perspektive.
(Kulturerschließung ) Bei der Szenischen Interpretation wird Musik und werden musikalische Gebrauchspraxen grundsätzlich kulturerschließend behandelt. Die Szenische Interpretation verfolgt dabei einen bedeutungsorientierten Kulturbegriff.

Musik als ästhetischer und komponierter "Gegenstand"

(Motivation und Musikanalyse) Die Szenische Interpretation motiviert Schüler/innen Musik auch strukturell analysieren zu wollen. Sie führt darüber hinaus auch zu neuartigen oft subjektiv bedeutsamen Analyseergebnissen, wie sie durch pure Noten- und Höranalyse oder ein Klassenmusizieren nicht zu erreichen wären.
(Musik als ästhetisches Phänomen) Die Besonderheiten der Musik als einer ästhetischen Aneignung von Wirklichkeit wird durch eine szenische Interpretation von den Schüler/innen in subjektiv nachvollziehbarer Weise erfahren. Szenische Interpretation ist insofern eine „Erschließung von Kunst“.

Die vorliegenden Formulierungen der Hypothesen sind an die Begrifflichkeit der "MusikDidaktik. Praxishandbuch 2022", hg. von Werner Jank, angelehnt.


"Szenische Interpretation in 45 Sekunden"

Slideshow: Methoden, Zielgruppen, Themen

1. Rolleneinfühlung (Osmin)
2. Konfrontation (Salome)
3. Standbild (Moses und Aron)
4. Singhaltungen (Wozzeck)
5. Haltung zu Musik (Jiddish Tango)
6. Musik-Stopp-Standbild
7. Schattenboxen (Match)
8. Szenische Impro (Der Schwan)
9. Szenische Reflexion (Westside Story)
10. Soziogramm ("Dos Kelbl")
11. Abschied von der Rolle (Tarantella)

1. Individuelle Einfühlung (Thema: Osmin aus Entführung aus dem Serail, 6. Klasse)
2. Kollektive Einfühlung durch Konfrontation (Thema: Salome, 12. Klasse)
3. Bilder - Standbildarbeit (Thema: Moses und Aron, Lehrende)
4. Haltungen - Singhaltungen (Thema: Wozzeck, Studierende)
5. Haltungen zu Musik (Thema: Jiddisch Tango im KZ, 11. Klasse)
6. Bilder - Musik, Stopp, Standbild (5. Klasse)
7. Szenisches Spiel - Aufwärmen durch Schattenboxen (Thema: Match von Kagel, Studierende)
8. Szenische Improvisation (Thema: Schwan aus Karneval der Tiere, 4. Klasse)
9. Szenische Reflexion (Thema: West Side Story, 12. Klasse)
10. Soziogramm (Thema: Klezmer - "Dos Kelbl", 5. Klasse)
11. Ausfühlung, Abschied von der Rolle (Thema: Tarantella, 4. Klasse)

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"Szenische Interpretation in 6 Minuten"

Videoclip über einen Workshop "Einführung in die Oper Salome"

In diesem Workshop werden die 5 Phasen der Szenischen Interpretation gezeigt.