Die Szenische Interpretation von Musik und Theater

Wer braucht Szenische Interpretation von Musik und Theater?

Alle Menschen, die pädagogisch tätig sind und dabei Musik, Theater oder Musik & Theater einsetzen, ...das sind Musiklehrerinnen und Musiklehrer, Musiktheaterpädagoginnen und Musiktheaterpädagogen, Personen, die kulturelle Bildung und Sozialarbeit betreiben und dabei musikalisch und szenisch arbeiten oder arbeiten möchten.

Und was ist eigentlich "Szenische Interpretation von Musik und Theater"?

"Szenisches Interpretieren" ist eine Möglichkeit musikalische Erfahrungen zu machen aufgrund von Erlebnissen, die im szenischen Spiel gemacht und dann szenisch reflektiert und dadurch zu nachhaltigen Lernerfahrungen verarbeitet werden.
Nähere Information enthält der "Methodenkatalog" (2022).

Was kann man mit Szenischer Interpretation von Musik und Theater anfangen?

Babys, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Menschen vom Rande der Gesellschaft bis zur Mitte können mit Szenischer Interpretation von Musik & Theater lebensnahe und nachhaltige Erfahrungen mit Musik & Theater, mit sich selbst und mit anderen machen. Sie können interkulturell kommunizieren und ästhetische Dimensionen des Lebens entdecken.

Die Methoden des Konzepts der Szenischen Interpretation von Musik & Theater sind vielseitig und flexibel einsetzbar. Das szenische Interpretieren verbindet ernsthafte Lernarbeit mit viel Freude, Spaß und Engagement.
Einen Eindruck von den Anwendungsmöglichkeiten und Zielgruppen der Szenischen Interpretation in der Slide-Show "Szenische Interpretation in 45 Sekunden" siehe unten!

Die fünf Hypothesen der Szenischen Interpretation

Bedeutungskonstruktion

(Konstruktivismus ) Bei der Szenischen Interpretation werden Schüler/innen dazu angeleitet, die Bedeutung, die Musik für sie hat, aktiv, bewusst und selbstbestimmt zu konstruieren, zu kommunizieren und damit auch zu überprüfen.
(Lehrerrolle) Die Lehrerin ist „Prozessorganisatorin“ (Kosuch) im Sinne Hartmut von Hentigs: „die Lernsituation enthält keinen Belehrer. Der Lehrer soll sie lediglich organisieren...“ .

Rollenschutz

(Rollenschutz) Bei einer szenischen Interpretation können Schüler/innen im Schutz einer Rolle Persönliches äußern und sich selbst bewusst machen, was sie ohne diesen Schutz nicht könnten oder nur in schultypisch ritualisierter Form tun würden.
(Rollenspiel) Das Spiel im Schutz der fremden Rolle erfolgt auf persönliche Weise und zeigt, wie die Schüler/in die Rolle und die Situation, in der die Rolle agiert, interpretiert.
(Projektionsfläche) Bei der Szenischen Interpretation dient fremde und ungewohnte Musik als Projektionsfläche für psychische Eigenschaften der Schüler/innen, für Emotionen, Einstellungen, Ängste, Phantasien, Umgang mit Verdrängtem und Tabuisierten usw., ohne dass therapeutische Ziele verfolgt würden oder die Szenische Interpretation Therapie wäre. Die szenische Arbeit erfolgt stets entlang eines (ästhetischen) Gegenstandes.

Interpretieren und Lernen

(Interpretation) Die Szenische Interpretation ist ein Konzept musikwissenschaftlichen Interpretierens, das eigenständige und verifizierbare Ergebnisse zutage fördern kann . Das „Verstehen von Musik“ erfolgt dabei „konstruktivistisch“ und nicht im Sinne von Hermeneutik, Philologie, Exegese oder didaktischer Interpretation.
(Erfahrungslernen) Die Szenische Interpretation ist ein Konzept des Erfahrungslernens. Dabei werden Erlebnisse beim Spielen sowohl durch spezifische Spielverfahren („szenische Reflexion“) als auch durch eigene Reflexionsphasen zu (Lern-)Erfahrungen verarbeitet. Die Reihenfolge „erst das Spielen, dann das Drüber-Nachdenken“ ist aufgehoben („erweiterter Schnittstellenansatz“).
(Voraussetzungslosigkeit) Die Szenische Interpretation berücksichtigt alle Lernvoraussetzungen bzw. -defizite und kann mit „leistungsheterogenen“ Klassen produktiv umgehen. Ein „aufbauender Unterricht“ als Lernvoraussetzung ist nicht nötig, wenn auch denkbar.
(Lernen mit allen Sinnen) Die Szenische Interpretation ist ein ideales (eventuell sogar das einzige praktikable) Konzept für ein „Lernen mit allen Sinnen“ im Musikunterricht, indem das „Lernen mit dem Körper“ gegenüber anderen Lernfomen aufwertet wird. Sie ist bezüglich Musiktheater die einzige nicht-defizitäre Lernform. Sie ist insofern „kompensatorisch“ als sie weniger „redegewandten“ Schüler/innen eine besondere Beteiligungsmöglichkeit am schulischen Diskurs bietet.

Umgang mit Musik

("Gebrauchspraxen" ) Bei der Szenischen Interpretation ist nicht „die Musik“ sondern der musikalisch tätige Mensch Ausgangspunkt für die musikdidaktische Perspektive.
(Kulturerschließung ) Bei der Szenischen Interpretation wird Musik und werden musikalische Gebrauchspraxen grundsätzlich kulturerschließend behandelt. Die Szenische Interpretation verfolgt dabei einen bedeutungsorientierten Kulturbegriff.

Musik als ästhetischer und komponierter "Gegenstand"

(Motivation und Musikanalyse) Die Szenische Interpretation motiviert Schüler/innen Musik auch strukturell analysieren zu wollen. Sie führt darüber hinaus auch zu neuartigen oft subjektiv bedeutsamen Analyseergebnissen, wie sie durch pure Noten- und Höranalyse oder ein Klassenmusizieren nicht zu erreichen wären.
(Musik als ästhetisches Phänomen) Die Besonderheiten der Musik als einer ästhetischen Aneignung von Wirklichkeit wird durch eine szenische Interpretation von den Schüler/innen in subjektiv nachvollziehbarer Weise erfahren. Szenische Interpretation ist insofern eine „Erschließung von Kunst“.

Die vorliegenden Formulierungen der Hypothesen sind an die Begrifflichkeit der "MusikDidaktik. Praxishandbuch 2022", hg. von Werner Jank, angelehnt.


"Szenische Interpretation in 45 Sekunden"

Slideshow: Methoden, Zielgruppen, Themen

1. Rolleneinfühlung (Osmin)
2. Konfrontation (Salome)
3. Standbild (Moses und Aron)
4. Singhaltungen (Wozzeck)
5. Haltung zu Musik (Jiddish Tango)
6. Musik-Stopp-Standbild
7. Schattenboxen (Match)
8. Szenische Impro (Der Schwan)
9. Szenische Reflexion (Westside Story)
10. Soziogramm ("Dos Kelbl")
11. Abschied von der Rolle (Tarantella)

1. Individuelle Einfühlung (Thema: Osmin aus Entführung aus dem Serail, 6. Klasse)
2. Kollektive Einfühlung durch Konfrontation (Thema: Salome, 12. Klasse)
3. Bilder - Standbildarbeit (Thema: Moses und Aron, Lehrende)
4. Haltungen - Singhaltungen (Thema: Wozzeck, Studierende)
5. Haltungen zu Musik (Thema: Jiddisch Tango im KZ, 11. Klasse)
6. Bilder - Musik, Stopp, Standbild (5. Klasse)
7. Szenisches Spiel - Aufwärmen durch Schattenboxen (Thema: Match von Kagel, Studierende)
8. Szenische Improvisation (Thema: Schwan aus Karneval der Tiere, 4. Klasse)
9. Szenische Reflexion (Thema: West Side Story, 12. Klasse)
10. Soziogramm (Thema: Klezmer - "Dos Kelbl", 5. Klasse)
11. Ausfühlung, Abschied von der Rolle (Thema: Tarantella, 4. Klasse)

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"Szenische Interpretation in 6 Minuten"

Videoclip über einen Workshop "Einführung in die Oper Salome"

In diesem Workshop werden die 5 Phasen der Szenischen Interpretation gezeigt.